25. März, Donnerstag, 22.00 Uhr, arte
“Ich will der Welt zeigen, dass urbane Kunst mehr ist als eine Kunst der Rebellion, sondern eine Kunstform, die über Poesie und Alltag spricht und eine Reflektion unserer Gesellschaft ist.” (Blek le Rat)
Street Art ist ein Phänomen unserer Zeit und fordert zu genauerem Hinsehen auf. Als Gegenbewegung zum kommerziell dominierten Stadtbild, versucht diese Kunstform eine direkte Verbindung zum Betrachter, dem Passanten, zu schlagen. Sie gibt ihm zudem die Möglichkeit, sich mit der Gedankenwelt eines Künstlers unmittelbar auseinanderzusetzen und den eigenen Lebensraum mit gelenkten Augen neu zu entdecken.
“Reclaim the streets”, die Rückeroberung der Straße, ist neben dem künstlerischen Ausdruckswillen ein starkes Motiv vieler Street Artists. Damit ist Street Art unweigerlich auch eine politische Kunstform, da sie sich in der Regel nur illegal verwirklichen lässt und eine Spannung zwischen Werk, Umgebung und betrachtender Gesellschaft herstellt.
Die Filmemacher Anne Bürger und Benjamin Cantu haben sich auf eine Reise in die Metropolen Berlin, Paris, New York und Moskau begeben, um künstlerische Positionen einzufangen, die sich dem Blick des Passanten für gewöhnlich nur eine kurze Zeit lang bieten: Street Art ist eine vergängliche Kunstform.
Berlin ist wegen seiner Toleranz das Paradies jener Straßenkünstler, die mit Cutouts, Spraycans und Schablonen auf Wänden arbeiten wie die bekannte New Yorker Straßenkünstlerin Swoon. Ihre überlebensgroßen Objekte aus Papier sind Porträts von Menschen, die sie auf ihren Reisen kennengelernt hat, und sollen den grauen Großstadtwänden in Friedrichshain, Kreuzberg und Berlin-Mitte Leben einhauchen. Mittlerweile sind sie so beliebt, dass das eine oder andere ihrer Werke schon nach wenigen Minuten wieder verschwindet. Abgenommen von Liebhabern ihrer Kunst oder auch von Nutznießern, die die Möglichkeit eines Verkaufs an eine Galerie in Berlin-Mitte wittern.
Den Franzosen Blek le Rat kann man mittlerweile als Ikone unter den Street Art Künstlern bezeichnen. Er hat in den 80er Jahren das Pochoir (Schablonengraffiti) in die Straßen von Paris eingeführt und ist nun vor allem im Ausland ein gefeierter Künstler, der für sich eine Brücke zwischen Street Art und Fine Art schlagen konnte. Die Filmemacher begleiten ihn von Paris nach New York, wo er eine Ausstellung seiner Werke in einer der wichtigsten Galerien für zeitgenössische Urban Art vorbereitet. Er verkauft auf hohem Niveau, aber das hält ihn trotzdem nicht davon ab, auch weiterhin seine Spuren auf den Straßen zu hinterlassen.
Dass Street Art nicht immer Graffiti und Stencils sein müssen, zeigt Brad Downey mit seinen radikalen, witzigen Straßeninstallationen und -performances. Der in Berlin lebende Künstler aus Kentucky formt das Stadtbild nach seinen Vorstellungen um, und dabei sind weder Verkehrszeichen, Mülleimer, Telefonzellen oder Heldenstatuen vor ihm sicher.
Die Phantomkünstlerin Princess Hijab treibt in den nächtlichen Gängen der Pariser Metro ihr Unwesen. Mit kontinuierlicher Hartnäckigkeit greift sie Werbeflächen an, die, wie sie meint, uns angreifen. Sie wählt dafür eines der stärksten und gleichzeitig einfachsten visuellen Mittel, um auf die Provokation der Hochglanzwerbung zu antworten: Sie “hijabisiert” die Gesichter der Models auf Werbe- und Filmplakaten mit einer pechschwarzen Burka.
Der Street Art Künstler ZASD wiederum liebt es, in den modernen Neubauvierteln der Metropolen Bogen zu schießen und seine Mitbürger damit zu überraschen. Seine Pfeile, die wie Speere in die Isolierungsmasse jüngster Neubauten eindringen, bilden ungewöhnliche Objekte und hinterfragen zugleich eine rein funktional ausgerichtete Städtearchitektur.
In kaum einer anderen Stadt wird so radikal gegen Street Art vorgegangen wie in Moskau. Die meisten Werke sind schon nach ein paar Stunden von den Häuserwänden wieder verschwunden - oft übermalt von den Hausbewohnern, die das Geld für die Farbe von der Stadt bekommen. “Manchmal nimmt diese Bekämpfung so absurde Formen an, dass man meinen könnte, dass diejenigen, die Street Art bekämpfen, eigentlich künstlerisch an ihr teilnehmen wollen”, sagt der Autor und Künstler Igor P., der die kleine, aber höchst aktive Street Art Szene von Moskau vorstellt.
ARTE stellt diesen Beitrag auch bis sieben Tage nach Ausstrahlung in einer “Streaming”-Fassung auf ARTE+7 bereit.

